Warum machen wir nicht PLM End2End?

Markus Ripping, der Autor des letzten Gastbeitrags, greift in seinem neuen Artikel weitere Aspekte der Digitalisierung und der vor uns stehenden Herausforderungen im PLM Business auf und teilt diese Gedanken mit der geneigten Leserschaft. Vielen Dank dafür. Ich selbst habe einige neue Erkenntnisse gewinnen können. Aber genug der Vorrede, hier ist der Artikel:

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

PLM ist ein in der Industrie seit Jahrzehnten etablierter Begriff. Dennoch sieht man erst in den letzten Jahren eine tatsächliche Bewegung hin zum Managen eines kompletten Lifecycles. Vorher war der unbestrittene Fokus auf Engineering-Themen und viel PLM war eigentlich nur PDM. Was wird es uns bringen, wenn wir unser Produkt wirklich von der Wiege bis zur Bahre oder besser noch – um beim Bild des Lebens zu bleiben – von der Zeugung bis zur abgeschlossenen Kompostierung begleiten? Wie wird sich PLM verändern, wenn wir Marketing-Aspekte an einem der Enden und Service & MRO-Aspekte am anderen Ende sowie alles dazwischen wirklich integrativ erfassen würden wollen? Wie schließen wir den Kreis und lassen frühe Phasen der Produktentstehung an Erkenntnissen späterer Phasen nutznießend teilhaben?

Zum Ende meines letzten – etwas ketzerisch geschriebenen – Blogbeitrages hatte ich die Frage in den Raum gestellt, warum wir PLM eigentlich nicht mal wirklich End2End machen. Ganz einfach: Weil es nicht ganz einfach ist.

Die Digitalisierung schreitet voran, kaum eine Industrie kann sich ihr verschließen. Neue Produktkategorien, neue Geschäftsmodelle, neue Vertriebswege und –strategien. Dynaxity ist King. Interessant ist, dass wir im PLM heute weiterhin im Wesentlichen Strategien und Werkzeuge sehen, die Struktur und Ordnung schaffen wollen. Das sind im Bild des Dynaxity-Modells alles Maßnahmen für die zweite, also dynamische Zone. Befragt man eine Suchmaschine nach dem Begriff Management, ist der erste Vorschlag die Definition „The process of dealing with or controlling things or people“. Struktur und Ordnung ist Kontrolle. Das „Management“ in PLM verkommt damit zu einem reinen Verwalten.

Realität ist aber, dass wir uns auf die Zukunft einstellend damit abfinden müssen, dass Digitalisierung turbulent (Dynaxity Zone 3) ist. Bei Turbulenzen muss man anpassungsfähig sein. Liebgewordenes über Bord werfen. „Dealing with“ scheint also der Knackpunkt zu sein. Leo schlägt als erste Übersetzung für „to manage“ vor: „etwas bewältigen“. Bewältigen werden wir aber in größeren Firmen sicher nichts allein. Teamarbeit ist gefragt.

PLM wird damit für mich zu einem Kommunikations- und Collaborations-Enabler. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie finde ich in einem komplexen und sich stetig verändernden System immer wieder neu die Personen und Informationen, die ich zur Bewältigung meiner Aufgabe benötige? Und welche Informationen benötige ich überhaupt? Für mich fallen seit geraumer Zeit die Grenzen, die PLM früher auf Engineering-Aspekte eingeschränkt haben. Heute muss ich noch während der Entwicklung wissen, ob der Markt mein Produkt überhaupt noch nachfragt. Ich muss Wartbarkeit definieren, noch bevor ich weiß, ob ich das Produkt verkaufe oder als Service anbiete. Fundamentale Fragen eines Wertschöpfungsprozesses verändern sich, während der Prozess durchlaufen wird. Nichts kann mehr schön in Ruhe seriell abgearbeitet werden.

Deswegen muss ich in Zukunft alle Silos durchbrechen. Ich muss im Marketing verstehen, was Corporate Development macht. Denn nur so, kann ich einen Development Funnel sicherstellen, der mir die richtigen Produkte zur richtigen Zeit marktfertig bereitstellt. Ich muss aber auch mein eigenes Product Portfolio Management mit der Zulieferkette in der Fertigung und Produktion verbinden. Immerhin drehen sich die Uhren auch bei unseren Lieferanten immer schneller. Und Druck können wir da auch nicht mehr wie früher ausüben. Mit IIoT bekommen wir Zugriff auf Erkenntnisse aus dem Betrieb unserer Produkte, die von unschätzbarem Wert für R&D sind und noch vor 5 Jahren undenkbar waren. Gleichzeitig wird der Product Ideation Prozess immer schnelllebiger und braucht Erkenntnisse aus der Marktforschung. usw. usw. usw.

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Plötzlich müsste eigentlich jeder mit jedem sprechen. Aber man kennt sich gar nicht persönlich. Und man wird sich auch nicht kennen, denn Dynamik und Wachstum schaffen auch selbst auf der HR-Front neue Hürden. Früher kannte man sich, arbeitete Jahre lang mit- und nebeneinander. Im heutigen Markt ist das Wachstum enorm, die Fluktuation größer, Platz nach oben für Beförderungen gegeben und Job-Hopping innerhalb von Konzernen ebenfalls in Mode. „Corporate Social Networks“ werden wichtig und basieren nicht mehr auf alten Seilschaften. Eins eint alle Beteiligten: Produktdaten.

PLM wird damit für mich zu einem Kommunikations- und Collaborations-Enabler. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber was sind eigentlich Produktdaten? Die Frage bietet Raum, ein ganzes Buch darüber zu schreiben. Und eine ganze Reihe schlauer Leute hat das bereits getan. Doch auch diese Grenzen verschwimmen mit der Zeit. Ich arbeite bei einem Hersteller diskreter Produkte, die bei unseren Kunden in der Prozessindustrie eingesetzt werden. Ich denke heute darüber nach, wie ich die erzeugten Prozessdaten meiner Kunden „tesseliere“ und in unseren R&D und Portfolio Management Prozess zurückfädele. Vor 5 Jahren hipper Zukunftskram, heute aus meiner Sicht nötige Maßnahme, mich auf die nahe Zukunft vorzubereiten. Das schafft aber ganz neue Herausforderungen auf der Zusammenarbeitsebene. Infrastruktur ist da noch das trivialste Problem. Wir brauchen juristische Vereinbarungen, um überhaupt Zugriff auf Relevantes zu bekommen. Das geht meist nicht gut im Kunde/Lieferant-Verhältnis, besser schon wenn man als Partner auf Augenhöhe kooperiert. Aber auch bei Partnern macht man sich Gedanken über den Wert von Daten. Wir wollen lernen. Unsere Kunden wollen aber nicht, dass wir gleich ihr ganzes Geschäft mitlernen und dem nächsten Konkurrenten anbieten. Intellectual Property wird da plötzlich bis auf Attribut- und Transaktions-Ebene ein relevantes Thema, mit dem sich auch Legal & Compliance auseinandersetzt. Noch ein Player im Boot.

PLM wird damit für mich zu einem Kommunikations- und Collaborations-Enabler. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich mag daher auch nicht mehr die traditionelle Abgrenzung ERP <-> PLM mit überschaubarem Overlap. PLM sollte mehr Strategie, ganzheitliches Konzept oder von mir aus auch Vision sein und nicht auf das reine Toolset reduziert werden. Am Toolset und dessen Implementierung halten sich eh zu viele Leute auf. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht und wird es auch entgegen der Beteuerung der einschlägigen Anbieter nicht geben. Außerdem wird es weniger denn je eine statische IT-Landschaft sein. IT-Individualismus auf die eigenen Bedürfnisse ist gefragt. Die lässt sich mit dem Wissen über Informationsflüsse aber besser kleinteilig bewerkstelligen, als mit monolithischen Single-Point-Of-Truth Strukturen. Ich bin schon seit jeher Freund von Single-Source-Of-Truth in Abgrenzung zu Single-Point. Pro Information eine Quelle ist entscheidend, um Redundanzen aus dem System zu nehmen, manuelle Prozesse zu reduzieren und Fehleranfälligkeit in den Griff zu bekommen. In wie vielen Systemen die Information eines einzelnen Ursprungs konsolidiert und konsumiert werden hat für mich keine besondere Relevanz. Für die Endabnehmer aber schon. Die mögen es, in Ihnen vertrauten Systemen zu arbeiten. Alles ablösen und die PLM/ERP Rundum-Sorglos-Lösung bereitstellen wird massive Change-Management-Schockwellen auslösen. Minimalinvasiv ist das Stichwort. Kleinteilige, individuelle Lösungen, im Zweifel im Eigenbau und gerne proprietär – denn wo steckt Intellectual Property nicht in Zukunft, wenn nicht im Wissen um die sinnvolle Bearbeitung und Verwendung der eigenen Daten. Und ganz praktisch: Der Ansatz ist auch noch super kompatibel mit einem der vielen anderen Buzzwords der Digitalisierung: Agile! Auch bei Agile geht’s im Übrigen um Kommunikation und Collaboration.

PLM wird damit für mich zu einem Kommunikations- und Collaborations-Enabler. Nicht mehr und nicht weniger. Das kann man gar nicht oft genug wiederholen!

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