Feld-, Wald- und Wiesen-PLM

Vor einigen Tagen lies ich mich mal wieder durch das Internet treiben. Um genau zu sein, habe ich als erstes nach dem Begriff “PLM” in der Suchmaschine meiner Wahl gesucht, um herauszufinden, auf welcher Ergebnisseite dieser Blog auftaucht. Nachdem meine Tränen der Enttäuschung ob des niederschmetternden Ergebnisses getrocknet waren, sprangen mir seltsame Links ins Auge. Die sprachen bei PLM auf einmal von “Precision Land Management”. Geprägt durch mein Elternhaus habPLM und Landwirtschafte ich durchaus eine Verbindung zur Landwirtschaft und begann voller Interesse zu lesen. Beim obigen Begriff scheint es sich um eine Art Markenbegriff des Landmaschinenherstellers New Holland zu handeln, wobei natürlich auch alle anderen Landmaschinenhersteller sich des Themas intensiv widmen. Weiteres Eintauchen zeigte mir eine bis dato eher nicht so bekannte, aber sehr faszinierende Welt der Verbindung zwischen IT und Agrarwirtschaft mit einer heterogenen Anbieterlandschaft. Dieser Blogartikel soll einmal genauer hinschauen, welche Verbindungen zum PLM (jetzt im Sinne des Product-Lifecycle-Management) gezogen werden können.


Als Erstes fallen einem Ingenieur bei der geistigen Visualisierung eines landwirtschaftlichen Betriebes die ganzen Maschinen und Anlagen ein:

  • Traktoren, Schlepper, Mähdrescher und weitere Fahrzeuge unterschiedlichster Art
  • Arbeits- und Anbaugeräte wie Pflüge, Häcksler, Mähwerke, Mulcher  
  • Fest installierte Anlagen und Geräte (Melkmaschinen, Futteranlagen, Wasserversorgung)

Das klassische Einsatzgebiet von PLM ist bei diesen Maschinen, Geräten und Anlagen die Unterstützung des Produktentwicklungsprozesses auf der Herstellerseite. Moderne landwirtschaftliche Maschinen haben nichts gemein mit der verklärt-romantischen Vorstellung eines zufriedenen,  vor sich trottenden Pferdes mit einer Pflugschar dahinter. clydesdale-1106337_1280Der Grad an Elektronik und Software in den Maschinen ist immens und beeindruckt nicht nur in der Funktion. Vor den Konfigurationsmanagern bei den Herstellern, die hier Mechanik-, Elektronik- und Softwareentwicklung unter einen Hut bringen, ziehe ich den selbigen. Das ist PLM at its  best.

Ein weiterer PLM-Aspekt ist, dass das Produkt eben nicht nur aus der Maschine oder Anlage selbst besteht, sondern zunehmend Dienstleistungen originärer Teil des Produktes sind. Ein Beispiel wären hier Serviceverträge für die Wartung und Instandhaltung oder Vernetzungs- und Ortungsfunktionen (GPS) zu nennen. Diese Dienstleistungen sind integraler Bestandteil des Produktes, haben aber einen eigenen Lebenszyklus (z.B. eine Laufzeit) – eine weitere Herausforderung auf dem Spielfeld des PLM.

Und wenn wir schon bei Service und Wartung sind, sind wir auch beim Thema  Ersatzteilversorgung. Die Verfügbarkeit von landwirtschaftlichen Geräten ist ähnlich kritisch wie der Betrieb eines PLM- oder ERP-Systems in einem Produktionsunternehmen. Oder wie lange kann ein Landwirt auf eine ausgefallene Melkanlage verzichten, wenn jeden Tag 200 Kühe gemolken werden wollen? Oder der Mähdrescher mitten in der Getreideernte kaputt gegangen ist? Der Service muss dann die korrekte Konfiguration der Anlage kennen oder zumindest schnell ermitteln können, um das passende Ersatzteil auch ausliefern zu können. Und gerade bei Elektronik gibt es aufgrund des rasanten technischen Fortschritts das Thema Obsoleszenz zu berücksichtigen. Wie ist der Weiterbetrieb sichergestellt, obwohl das defekte Elektronikbauteil gar nicht mehr verfügbar ist. Weil es dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallen ist und gar nicht mehr hergestellt wird. Allein darüber kann man über mehrere Blogartikel lang philosophieren.

Während des Betriebs von landwirtschaftlichen Maschinen und Anlagen entstehen auch eine Menge Daten. Einen sehr schönen Abriss über “Industrie 4.0” und “Big Data” in der Agrarwirtschaft gibt ein Artikel in der Zeit. Beim Lesen des Artikels kam mir der Gedanke, dass bei einem Mähdrescher oder einem Traktor auch die Umgebung als Teil des Produktes und damit des Lebenszyklusmanagements gesehen werden muss. So ein Acker ist eben kein steriler Operationssaal und Verschleiß durch Erde, Wetter und Korrosion spielen natürlich eine gewichtige Rolle auf die Lebensdauer des Produktes. Aber gerade beim GPS-gesteuerten zentimetergenauen Ausbringen von Saatgut oder Dünger stellt sich schon die Frage, ob Verschleiß nicht signifikanten Einfluss auf die Quantität der Ausbringung nimmt. Vielleicht wird dies ja bereitsclouds-978964_1280 durch intelligente Produkte, die dies selbst nachregeln können, bewältigt. Falls sich ein Leser damit auskennt, wäre ein Kommentar toll.


Aber auch generell sind natürlich alle Daten, die heute so ein Schlepper oder Mähdrescher erzeugt, ein wertvoller Schatz für jeden Hersteller. Diese Daten liefern Hinweise für Produktverbesserung und -innovation und fließen in die Produktentwicklung des Herstellers ein – ein klassischer Anwendungsfall des Product-Lifecycle-Managements.

Mit diesem Gedankengang möchte ich diesen Blogartikel beenden. Natürlich schließt sich die Bitte an, von der Kommentarfunktion reichlich Gebrauch zu machen. Gerade hier möchte ich mal Landwirte und sonstige Experten aus der Agrarwirtschaft bitten, ihre ganz persönliche Sicht der Dinge zu schildern. Ich bin mehr als gespannt.     

 

Der PLM-Talk – heute mit Dr. Markus Sachers, (PROSTEP AG)

Meine virtuelle Interview-Couch hat wieder einen Gast beherbergt. Nach Blicken über den Tellerrand in Richtung IT-Servicemanagement und einem Ausflug in das Konfigurationsmanagement geht es heute um nichts als reines PLM. Ich freue mich sehr, dass mit Dr. Markus Sachers ein ausgewiesener Kenner der Materie mir meine Fragen beantwortet hat.

Herr Dr. Sachers, als langjähriger Geschäftsführer innerhalb der PROSTEP Gruppe und designierter Leiter des Geschäftsfeldes PLM Strategie und Prozesse ist Ihr Name eng mit der PROSTEP Gruppe verbunden. Können Sie vielleicht ein paar Worte verlieren, wie Sie zur PROSTEP gekommen sind und wo Sie mit dem Virus PLM infiziert wurden?

Dr. Markus Sachers

Dr. Markus Sachers

Gerne. Bereits während meiner Promotion habe ich mich mit dem Thema der durchgängigen, IT-gestützten Produktentwicklung beschäftigt. Fokussiert waren meine Arbeiten damals – Mitte der 1990er Jahre – noch auf die CAD-CAM-Kopplung und die durchgängige Auftragsbearbeitung für Einzel- bzw. Kleinserienfertiger. Dabei spielte die Definition und Entwicklung notwendiger Datenschnittstellen eine entscheidende Rolle. PROSTEP – sowohl der ProSTEP Verein als auch das Unternehmen – haben damals schon wesentlich zur internationalen Standardisierung im Bereich des Produktdatenmanagements bzw. dessen Verbreitung beigetragen. Ich hatte auch in meinen Arbeiten durch die Nutzung des STEP-Standards damit zu tun, so dass ich nach Beendigung der Promotion gleich bei der PROSTEP AG (damals war es noch die GmbH) als Berater einstieg.

Der ProSTEP iViP e.V. als auch die PROSTEP AG engagieren sich in vielfältiger Weise im Product-Lifecycle-Management. Wo sind dabei die Schwerpunkte der Arbeit und was unterscheidet dabei den Verein von der AG?

Der ProSTEP iViP Verein als Non-Profit-Organisation ist ein Zusammenschluss von Unternehmen, Softwareherstellern, IT-Dienstleistern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Er entwickelt zukunftsweisende Standards, Empfehlungen und Lösungsansätze für das Produktdatenmanagement und die virtuelle Produktenstehung.

Konkrete Beispiele der letzten Zeit sind Standards und Empfehlungen, die von Arbeitsgruppen zu den Themen Digital Manufacturing, ECAD, Requirements Management, Einsatz des JT-Visualisierungsformates, „Code of PLM Openness“ oder Langzeitarchivierung von PDM/CAD-Daten erarbeitet wurden.

PROSTEP_tag_rgb_hoch50pixDie PROSTEP AG ist als IT-Lösungsanbieter eigenständig am Markt mit Dienstleistungen und Produkten im Bereich PLM aktiv. Unsere Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Unternehmens-weiten und -übergreifenden PLM-Konzepten, deren Bewertung und Einführung, der Integration von PDM und CAD-Systemen sowie der PDM/CAD-Migration. Dabei sind wir meistens als „Mittler“ zwischen den Fachbereichen und der IT aktiv. In allen Projekten bringen wir auch immer aktuelle Technologien und Standards – nicht nur aus dem ProSTEP iViP Verein – ein. Unsere vielfältigen Projekterfahrungen aus inzwischen über 20 Jahren PLM-Projekten sind dabei natürlich zentraler Bestandteil unserer Lösungen für unsere Kunden.

Seit der jüngeren Vergangenheit ist der Name PROSTEP mit der Initiative „Code of PLM Openness CPO“ verbunden. Was war die Motivation des ProSTEP iViP Vereins zur Unterstützung des CPO und in welcher Form passiert dies?

Treiber für den CPO waren in erster Linie Fertigungsunternehmen, die einen hohen Bedarf haben, PLM-Systeme in sehr heterogene IT-Landschaften integrieren und diese dann betreiben zu müssen. Dazu sind PLM-Systeme notwendig, die weitestgehend „offen“ sind, d.h., die offene Schnittstellen und transparente Architekturen aufweisen. Aber nicht nur technische Eigenschaften sind für die notwendige Offenheit relevant. Auch Vereinbarungen zwischen Anwenderunternehmen und Systemherstellern zu organisatorischen Regelungen – wie angemessene Partnerschaftsmodelle mit IT-Dienstleistern für Customizing-Leistungen, abgestimmte Produktrelease-Roadmaps, System-Kompatibilität mit Third-Party-Produkten und ähnlichem – sind wesentliche Aspekte.

Der ProSTEP iViP Verein Open PLMwurde dafür als bestens geeignete Plattform gewählt, um ein grundsätzliches Regelwerk zwischen Anwenderunternehmen, Systemherstellern und IT-Dienstleistungen gemeinsam zu erarbeiten. Inzwischen haben sich bereits über 80 IT-Kunden, IT-Anbieter und IT-Dienstleister zum Code of PLM Openness bekannt.

Die Grundsatzregeln aus dem CPO können als Basis für konkrete, messbare Vereinbarungen in den Lizenz- bzw. Pflegeverträgen zwischen Unternehmen und Systemanbietern verwendet werden. Bei der Durchführung entsprechender spezifischer Anpassungen und Konkretisierungen unterstützen wir von PROSTEP wiederum die Unternehmen.

Der „Code of PLM Openness“ ist ja nur ein Thema, dass unter der PROSTEP-Fahne segelt. Wo setzen Sie derzeit in Ihrer täglichen Arbeit gerade ihren Fokus?

Tatsächlich beschäftigen wir uns in unseren Projekten bei unseren Kunden in der letzten Zeit stark mit PLM-Einführungs- und Migrationsprojekten.

Neben den Branchen der Automobil- und Flugzeugindustrie, die ja bereits seit vielen Jahren die Einführung und den Roll-out konsolidierter PLM-Systeme betreiben, haben wir zunehmend Projekte in anderen Branchen der Fertigungsindustrie, die sich mit der Einführung von kommerziellen PLM-Systemen beschäftigen. Dabei bearbeiten wir in unseren Projekten alle Aufgabenstellungen von der strategischen Auswahl von Systemen (z.B. durch Unternehmens-spezifisches Benchmarking) über die Spezifikation und Implemetierung von Integrationslösungen bis zur Roll-out-Planung und –Unterstützung.

Auch die Datenmigration zwischen PLM-Systemen spielt zur Zeit eine erhebliche Rolle. Besonders Unternehmensveränderungen – wie Merger und Acquisitions, die Gründung von Joint Ventures oder die Auslagerung von Unternehmensteilen (Carve-out) – erfordern die Migration von PLM-Daten zwischen unterschiedlichen Systemen. In unseren Projekten sind PLM-Daten in erster Linie alle Entwicklungs- und Konstruktions-relevanten Daten, also natürlich auch CA-Daten, die in PLM-Systemen besonders integriert sind – sowohl methodisch, als auch von den Datenmodellen her. Hier setzen wir gerade mit unserer Expertise Lösungen um.

Sie blicken persönlich auf eine langjährige Erfahrung in der Planung und Unterstützung von PLM-Projekten zurück. Was hat sich in den letzten 10 Jahren verändert? 

In den letzten Jahren hat der Einsatz von kommerziellen PLM-/PDM-Systemen stetig zugenommen. Der Druck auf IT-gestützte Unternehmensprozesse, effizienter zu werden, bei gleichzeitiger Forderung nach reduzierten Wartungs- und Betriebskosten von IT-Systemen führt immer weitreichender zur Einführung bzw. zum Ausbau der Einsatzbereiche von PLM-Standardsoftware in den Unternehmen.

Dabei spielt die Integration der Prozesse und Systeme aus unterschiedlichen Domänen eine zentrale Rolle. Nicht nur Kernprozesse und –Daten aus der Entwicklung und Konstruktion – wie CAD-Daten, Produktstrukturen (z.B. verschiedene BoM-Sichten), Versionen und Konfigurationen oder Freigabeprozesse – werden in PLM-Systemen abgebildet, sondern auch zunehmend Bereiche wie Berechnung und Simulation (z.B. SDM-Systeme) oder Elektrik-/Elekronik- und Softwareentwicklung (z.B. ALM-Systeme). Treiber dafür ist häufig nicht nur eine steigende Produktkomplexität oder die immerwährende Forderung nach Effizienzsteigerungen, sondern auch die wachsende Erkenntnis, dass nur eine ganzheitliche Betrachtung der PLM-relevanten Prozesse und IT-Systeme im Unternehmen einen maximalen Nutzen bringt. Wir erreichen dies in unseren strategisch ausgerichteten Kundenprojekten zum Beispiel durch den Einsatz der Analyse- und Definitionsmethoden des „Enterprise Architecture Managements (EAM)“.

Eine weitere Entwicklung sind die vielen Unternehmenszusammenschlüsse und –Aufkäufe (Mergers & Acquisitions) der letzten Jahre in der Fertigungsindustrie. Wir haben bei unseren Kunden daher einen großen Anteil an PLM-Integrations- und Migrationsprojekten. Hier sind Lösungen gefragt, die den unterschiedlichen fachlichen und organisatorischen Voraussetzungen der Kunden Rechnung tragen. Beispielsweise können sowohl „Big Bang“-Migrationen als auch Lösungen auf Basis der temporären Koexistenz von Systemen sinnvoll sein. Beides verwenden wir in unseren Projekten.

Und wenn wir in die Vergangenheit schauen, darf auch der Blick in die Zukunft nicht fehlen: Was wird aus Ihrer Sicht das PLM-Projekt 2025 vom PLM-Projekt im Jahr 2015 unterscheiden?

PLM-Projekte werden sich zukünftig natürlich anhand der generellen Ausrichtung und Entwicklung von PLM in der Industrie in den kommenden zehn Jahren ausrichten. Und hier wird sich meines Erachtens ein starker Einfluß der „Digitalen Transformation“ auswirken. Als Digitale Transformation bezeichnen wir den – in vielen Bereichen bereits begonnenen – Wandel hin zu ganz neuen Produkten und Geschäftsmodellen, basierend auf einer zunehmenden Digitalisierung von Daten aus allen Lebensbereichen („Big Data“) und digitaler Vernetzung (z.B. „Smart Factory“, „Smart Product“, „Smart Service“ u.a.) auf allen Ebenen der industriellen Wirtschaft. In der Fertigungsindustrie beginnt das „Internet der Dinge“ bereits heute Daten, insbesondere aus Produktion („Industrie 4.0“), Logistik und dem After Sales, in einer Weise zu erfassen, wie es traditionell nicht möglich war. Dies wird zu einer zunehmenden Individualisierung von Produkten – auch in neuen Kombinationen mit Nutzer-spezifischen Funktionalitäten oder Dienstleistungen – führen, so dass die Komplexität der Produkte und deren Steuerung über den gesamten Lebenszyklus steigt. Dies führt nicht nur zu deutlich erhöhten Anforderungen an PLM-Konzepte und –Systeme auf der einen Seite, PLM wird auf der anderen Seite auch gerade ein zentraler Baustein für die erfolgreiche Umsetzung der digitalen Transformation in Unternehmen sein.

In der Zukunft werden wir die Einführung und Erweiterung von PLM-Systemen durchführen, die beispielsweise deutlich stärker vernetzt sein werden mit anderen Systemen oder zusätzliche Such- und Vernetzungs-Funktionalitäten erhalten werden. Letzteres ist bereits in Ansätzen durch PLM-Systemanbieter in der Vorbereitung. In diesem Zusammenhang werden wir, noch intensiver als heute schon, Konzepte des Anforderungs- und Wissensmanagements in PLM-Systemen umsetzen. Die erhöhte Verfügbarkeit von Daten aus dem gesamten Produktlebenszyklus werden sich darüber sowohl für die Verbesserung und Individualisierung vorhandener Produkte, als auch für die Entwicklung neuer Produkte nutzen lassen.

In der Produktentwicklung werden wir sicher eine konsequentere Umsetzung der Methoden des Systems Engineering in PLM-Systemen sehen. Eine Modell-basierte, ganzheitliche Entwicklung von mechanischen, elektronischen und Software-Komponenten wird aufgrund der genannten Trends verstärkt Einzug in PLM-Konzepte und –Systeme finden. In unseren heutigen PLM-Projekten entwickeln wir bereits Konzepte und Lösungen mit unseren Kunden für einige der genannten Methoden und Prozesse.

Herr Dr. Sachers, ich danke Ihnen für dieses Gespräch und wünsche Ihnen für Ihre kommenden Projekte viel Erfolg.

Das größte PLM-Werkzeug des Universums

PLM UniversumDie Tage werden immer kürzer und die Übergangsjacke hängt längst an jenem Garderobenhaken, an dem bis vor wenigen Tagen noch die Sommerjacke baumelte. Für die Autofahrer unter uns ist es Zeit, an den Winterreifenwechsel zu denken – übrigens ein sich regelmäßig wiederholender Meilenstein im Product-Lifecycle-Management des Vehikels.  Das könnte man direkt mit der „O-bis-O“ Funktion verknüpfen und somit für einen gewissen Automatisierungsgrad sorgen.

Aber ich schweife ab. In weniger als 80 Tagen ist Weihnachten, der Jahreswechsel folgt auf dem Fuß und dieser ist für die Verkaufsorganisationen der PLM-Systemhersteller ein wichtiges Datum. Verkaufte Lizenzen werden gezählt, Marktanteile berechnet. Ein paar Häuser werden vielleicht zufriedener sein als andere, aber an einer recht heterogenen Marktaufteilung wird sich auch in 2015 wenig ändern. Je nach Betrachtungsweise teilen sich 4-6 größere Unternehmen den PLM-Markt auf und neben diesen gibt es eine ganze Reihe von kleineren Softwareschmieden, die sehr gute Lösungen anbieten. Und in diesem Jahr sorgen die PLM-Punks aus Andover verstärkt für frischen Wind und etwas Rock’n’roll im Markt.

Ich möchte aber heute mein Augenmerk auf ein PLM-Werkzeug lenken, dass a) niemand wirklich PLM-Werkzeug nennen würde und b) aber den PLM-Markt im Nutzungsgrad und in der Verbreitung  mit weitem Abstand anführt.  Ich spreche vom guten alten Microsoft Excel.

Setzen wir doch einmal die „wir-haben-alles-in-PLM-integriert-Brille“ ab und überlegen, wie oft Excel-Tabellen immer noch eine der wichtigsten Informationsträger und -übermittler in wertschöpfenden Geschäftsprozessen sind. Um es mal noch etwas anschaulicher zu machen: Nehmen Sie bitte in ihrem Unternehmensalltag gedanklich eine Excel-Deinstallation auf allen Arbeitsplatzrechnern vor. Wie gut funktioniert dann noch ihr PLM? Sicher, der große Rahmen wird immer noch irgendwie laufen und es gibt mit Sicherheit Prozesse und Teilbereiche, in denen Excel kein Stück vermisst werden würde. Aber wie oft ist die Excel-Tabelle eine nicht wegzudenkende Ergänzung des gesamtem PLM-Prozesses und ohne sie läuft gar nichts?

Mein Blogartikel soll auf keinen Fall zur Ablösung dieser Excelnutzung anregen. Dafür arbeite ich viel zu gern mit diesem Tool. Ich möchte aber einmal darüber nachdenken, warum gerade Microsoft Excel im PLM-Bereich diese unfassbar große Verbreitung und diesen hohen Nutzungsgrad hat.

calculating-machine-931435_1280Als erstes fällt mir dazu ein, dass Excel einfach seit Ewigkeiten am Markt ist und durch die Durchdringung das Office-Software-Marktes durch Microsoft wohl auf jedem Arbeitsplatzrechner zur Verfügung steht. Im Wikipedia-Artikel kann man lesen, dass es die erste PC-Version im Jahr 1987 gab – das ist knapp 30 Jahre her! Im Vergleich dazu nutzen wir Internet Browser und die darunter liegende Webtechnologie gefühlt erst seit letzter Woche. Der quasi uneingeschränkte Zugang zum Programm  und die lange Nutzungserfahrung ist die erste Antwort auf die oben formulierte Frage.

Nicht jeder Anwender beherrscht Excel perfekt, ganz im Gegenteil. Ich vermute mal, dass ich im täglichen Arbeitsleben vielleicht 10-20% der Möglichkeiten des Programms ausnutze. Das wurde mir vor einiger Zeit klar, als mir ein damaliger Kunde ein komplett ausdetailliertes PLM-Daten- und Prozessmodell in MS Excel zeigte. Das war ziemlich beeindruckend. Sicher spielt MS Excel nicht in der Champions League der Usability und des Benutzerkomforts, aber wir alle wenden dieses Programm schon so lange an und können trotz des teilweise seltsamen Verhaltens damit gut umgehen. Und wenn wir mal nicht weiterwissen, hilft uns eine schier unendliche Menge an Hilfeseiten und –foren im Internet weiter. Unsere vom PLM vollkommen unabhängig gesammelten Erfahrungen mit MS Excel gepaart mit dem Wissen von Millionen (Milliarden?) anderer Nutzer lässt uns für fast jedes Anwendungsproblem eine Lösung finden. Das ist meine zweite Antwort.

Microsoft Excel stellt Daten in einer Tabellenform dar. An der Schnittstelle von zwei Ausgangsgrößen steht der dazugehörige  Wert. Die Mathematiker unter Ihnen verzeihen mir bitte diese unwissenschaftliche Formulierung. Das erinnert stark an die Darstellung vieler Daten in einem PLM-System. Das Metadatum „Autor“ (Spalte) des Dokuments „Blogbeitrag Excel“ (Zeile) hat den Wert „Christoph Golinski“. Der Lebenszyklusstatus des Bauteils 0185 hat den Wert „Obsolete“. Ebenso sind diese Daten in Excel sehr schnell zu ändern, zu sortieren oder zu filtern. Tabellen sind auch in PLM-Systemen oft zu finden. Man denke nur an die Darstellung von Suchergebnissen, die sehr ähnlich zu Excel ist. Ein weiterer Aspekt ist die grafische Auswertung von Daten. Auch hier bietet Excel den Endanwender relativ einfache Funktionen an, Diagramme zu erzeugen und Trends und Abhängigkeiten grafisch zu visualisieren. Das ist die dritte Antwort: Die unbestrittenen Darstellungs- und Editierfunktionen von zweidimensionalen Datendarstellungen.

Zu guter Letzt möchte ich noch die Erweiterbarkeit von Excel ansprechen. Beginnend beim Makrorekorder bis hin zu mächtigen VB-Makros; Nerds und interessierte User können sich hier richtig austoben und fehlende Funktionalitäten sehr einfach ergänzen oder anpassen. Das ist jetzt sicher nichts für den Excel-Normalnutzer, aber die Hürde zur Programmierung ist in Excel extrem niedrig. Diese Flexibilität und die Erweiterbarkeit, die jedem (!) Anwender zur Verfügung steht, ist ein starkes Pfund, an dem sich PLM-Systeme messen lassen müssen.

Meine Aufzählung der Gründe für die immense Verbreitung und der intensiven Nutzung von Microsoft Excel im PLM kann und soll gar nicht vollständig sein. Es soll einfach nur Gründe aufzeigen und zur Diskussion über diesen „hidden champion“ der PLM-Systeme anregen. Dazu möchte ich Sie gern einladen.

PLM & ITIL® passen nicht zusammen … oder doch?

Nach meinem ersten Interview mit Guido Weischedel zum Thema Konfigurationsmanagement hat heute ein neuer Gast auf meiner virtuellen Couch Platz genommen. Wir wollen heute einmal einen Blick über den Tellerrand wagen und uns mit dem Thema ITIL® ein wenig näher beschäftigen. Bernd Ebert, freiberuflicher Berater und Trainer für die Prozess- und IT-Servicemanagement, hat sich bereit erklärt, mir Fragen dazu beantworten und vielleicht finden wir doch mehr Gemeinsamkeiten zwischen ITIL® und PLM, als man gemeinhin so denkt.

Herzlich willkommen Herr Ebert. Einige Leser werden Sie aus Ihren Projekten bereits kennen, aber können Sie sich für die anderen ein wenig vorstellen und ein paar Worte zu Ihrem Hintergrund verlieren?

Bernd EbertNach meinem Studium habe ich im Beratungsfeld „Digitale Prototypen“ (DMU) gearbeitet und anschließend in der Industrie als Experte für Produktdatenmanagement. Dabei ging es zum Beispiel  um die Konfiguration von CAD Software und die Bereitstellung von Visualisierungsdaten. Im Zuge dessen kam ich in Kontakt mit ITIL® (IT Infrastructure Library) – über Fragen, wie wir mit Störungen umgehen, wie wir Änderungen an der Software ordentlich steuern und wie wir Projektprodukte in den Betrieb überführen. Das Thema gefiel mir gut; so habe ich es ausgebaut und mich 2008 selbständig gemacht. Seitdem berate ich Unternehmen bei der Einführung und Anpassung von Prozessen für einen optimalen IT Betrieb. Seit 2011 trainiere ich darüber hinaus ITIL® bis zum Expert und Projektmanagement nach PRINCE2®.

Welche Bedeutung steht hinter dem Begriff ITIL®?

ITIL steht für „IT Infrastructure Library“ und stellt eine Bibliothek von Best Practices dar. Es beschreibt verschiedene Prozesse und Aspekte eines IT Betriebs, die sich als wichtig und nützlich herausgestellt haben. ITIL umfasst derzeit fünf Kernbücher, die sich mit den Lebenszyklen eines IT Services auseinandersetzen. Diese umfassen die Strategie, das Design, die Transition, den Betrieb und die kontinuierliche Verbesserung von IT Services aus prozessualer Sicht, dem IT Service Management. Erinnert irgendwie an Produktlebenszyklen, oder?

Es sieht so aus. Aber PLM und ITIL® sind nicht zweimal das gleiche, nur anders beschrieben, oder?

Das sind sie nicht. Natürlich gibt es viele Parallelen: Beide haben das gleiche Ziel. Beide sind kein Selbstzweck. Sie unterstützen die Lieferung eines exzellenten Produktes. Und es gibt natürlich Ähnlichkeiten in den Inhalten, z. B. Konfigurationen steuern, Änderungen steuern und Produkte freigeben. Die Produkte selbst unterscheiden sich, und damit auch die Art der Unterstützung. PLM steuert häufig physikalische Produkte, die hergestellt und später verkauft werden und begleitet deren Entwicklung und Änderung. Dann gehen die Produkte außerhalb des PLM nutzenden Unternehmens in den Betrieb. Beim IT Service Management geht es um die Steuerung eines vitalen IT Services innerhalb des Lifecycle Management Betriebes oder IT Dienstleisters.

Dann gibt es also sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Aber was haben sie nun miteinander zu tun?

Sehr viel. PLM nutzt  Methoden und Systeme, um den Lebenszyklus von Produkten zu steuern. Dabei stützt sich PLM neben der Methodik wesentlich auf Infrastruktur, Software und intelligente IT Services. IT Service Management unterstützt wiederum diese PLM Systeme, indem es dafür sorgt, dass diese Umgebung zuverlässig funktioniert. Die Qualitätsansprüche, die an das Produkt gestellt werden, erfordern sorgfältiges Management. Das bedeutet, dass die genutzten Werkzeuge ebenso zuverlässig funktionieren und sorgfältig gepflegt werden müssen.

Können Sie dafür konkrete Beispiele dafür nennen?

Nehmen wir das PLM-System: Der Hersteller bringt in regelmäßigen Abständen Aktualisierungen heraus, der Kunde nimmt immer wieder mal kleinere oder größerer Anpassungen vor, Schnittstellen zu Datenbanken müssen angepasst werden etc. Jede dieser Änderungen birgt das Risiko der Fehlfunktionen, Ausfällen oder Aufwänden ohne sichtbaren Nutzen. Diese Risiken lassen sich nur durch ein gutes Zusammenspiel ordentlicher Prozesse und kompetenter Mitarbeiter reduzieren. Hier sind insbesondere das Konfigurationsmanagement (der IT), das Change Management und das Release- und Deployment gefragt. Evaluierung und Test gehört natürlich ebenso dazu.

Wie funktionieren diese Prozesse zusammen? Noch klingt das nicht ganz greifbar…

Das Basis stellt das Konfigurationsmanagement dar. Es bildet die aktuelle Version des freigegebenen, sich im Betrieb PLM ITILbefindlichen PLM Services ab, einschließlich Software, Hardware, Prozesse, Wartungsverträge etc. Wenn ich nun Änderungen, wie z. B. den Update des Systems anstoße, steuere ich das über das Änderungsverfahren an. Hier werden alle Änderungen aufgenommen und analysiert: Abhängigkeiten, Auswirkungen etc. Sobald ein Change autorisiert wurde, bündle ich die Changes in einem Release. Das Release beschreibt das Delta zwischen dem aktuellen und dem zukünftigen PLM Service. Das Release und Deployment macht sich nun Gedanken, wie etwas freigegeben wird, wie etwas ausgerollt wird, wann welche Trainings für wen durchgeführt werden und welche Downtimes benötigt werden. Das Ziel ist letztlich immer das gleiche: Innerhalb kürzester Zeit maximalen Nutzen bei geringstmöglichen negativen Nebeneffekten zu erzielen. Ohne eine saubere Steuerung über Releases und Konfigurationen, weiß das Change Management nicht, worauf es sich einlässt. Es ist dann eine zeitaufwändige Fahrt durch den Nebel, bei der der Passagier im Grunde nicht weiß, wo er ankommt. Wenn es sich um ein zentrales System handelt, was ein PLM System bei produzierenden Unternehmen immer ist, erzeuge ich ohne die Prozesse und Technologien ein erhebliches Risiko.

Müssen noch weitere ITIL® Prozesse eingeführt werden, um das PLM System zu betreiben?

Das kommt darauf an. ITIL® stellt erstmal nur die möglichen Best Practices vor. Ich führe also kein ITIL® ein – schon gar nicht um seiner selbst willen. Die erste Frage ist, wo Probleme gelöst werden sollen oder wo Verbesserungen notwendig sind. Dazu werden die Ursachen analysiert. Dann kann ich überprüfen, ob ITIL® eine geeignete und bewährte Prozess-Referenz liefert, an der ich mich orientieren kann, um die Lage zu verbessern. Und nur diese greife ich mir aus der Bibliothek heraus und passe sie für das Unternehmen an. Schließlich ist es selten so, das gar nichts vorhanden ist.

Haben Sie zum Schluss noch 3 Tipps, wie ich als Betreiber eines PLM Systems beginnen sollte, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Prozesse funktionieren nur so gut, wie die Menschen sie akzeptieren, die damit arbeiten. Also beginne bei gewünschten Veränderungen damit, die Prozessbeteiligten an einen Tisch zu holen.

Außerdem hilft es, Dinge auszuprobieren, um den Mehrwert erfahrbar zu machen. Schrittweise erfolgreiche Veränderungen umzusetzen ist darum oft besser, als alles auf einmal.

ITIL® Grundlagen zu kennen, hilft manchmal neue Ideen zu entwickeln und eigene Prozesse zu überdenken. Und mit dem innewohnenden Vokabular eine gemeinsame Sprache zu finden.

Herr Ebert, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch und noch viel Erfolg bei ihren Projekten.

 

ITIL® is a Registered Trade Mark of AXELOS Limited.

IT Infrastructure Library® is a Registered Trade Mark of AXELOS Limited.

PRINCE® is a Registered Trade Mark of AXELOS Limited.

Visualisierung in Zeiten von grenzenloser Mobilität

MobilgerätDie Visualisierung von Konstruktionsdaten für verschiedene Einsatzzwecke ist ein alter Hut im PLM-Geschäft. Der Anwendungsfall, Konstruktionsdaten in einem leichtgewichtigen Format allen Anwendern entlang der Wertschöpfungskette zur Verfügung zu stellen, wird in allen PLM-Einführungsprojekten mit hoher Priorität behandelt. Angefangen von der „VerTIFFung“ oder PDF-Konvertierung von 2D-Fertigungszeichnungen bis hin zur performanten Visualisierung von großen Baugruppenstrukturen in einem Viewer. Studien, Benchmarks und Untersuchungen gibt es viele.

Themen wie das Digital Mockup (Design Reviews, Kollisionsuntersuchungen usw.), Datenaustausch (Zulieferintegration), Technische Dokumentation (siehe Blogbeitrag zur Maschinenrichtlinie) setzen den Rahmen der Benchmark für die Auswahl eines geeigneten Datenformats und der dazugehörigen Konverter und Viewer. Und natürlich sollen diese Werkzeuge nahtlos in einem PLM-System integriert werden. Die Lösungen dafür sind vielfältig und  keine wirklichen Hindernisse mehr in einem PLM-Projekt.

Neben dem Hype um iPad & Co gibt es zum Beispiel auch in der Technischen Dokumentation eindeutig einen Trend zu mobileren und interaktiveren Anwendungen. Aus technischer Sicht bedeutet das, dass neben den klassischen Betriebssystemen (Windows, Linux, OS X) und der dazugehörigen Hardware auch neue Plattformen wie Android oder iOS und andere Endgeräte wie Smartphones und Tablets kommen. Und mit dem rein technischen Wechsel geht auch eine Paradigmenwechsel in der Kultur der Anwendung auf diesen Endgeräten einher. Ich muss mich ja nur selbst anschauen: Ohne Wasserwaage-App auf meinem iPhone hänge ich zu Hause kein Bild mehr auf.

Die Frage, die ich mit meinem Blogpost heute aufwerfen und diskutieren möchte: Ist der Siegeszug von iPad und Konsorten der Beginn zu einer anderen Art der Anwendung von PLM? Schauen wir in zehn Jahren zurück und fragen uns, wie man „früher“ ohne mobile Endgeräte und smarte Anwendungen überhaupt PLM machen konnte? So wie wir heute auf die Mainframe-Dinosaurier, C64 Datasetten und Lochstreifenleser zurückschauen? Kommentare sind herzlich willkommen.