Wir bleiben beim Standard – oder doch nicht?

Welcher Projektleiter, PLM-Verantwortliche oder Berater kennt das nicht: PLM soll endlich auf  professionelle Füße gestellt werden. Dafür wurden erste Geschäftsprozesse aufgenommen, über mögliche abzubildende Daten und deren Attribute und Abhängigkeiten gesprochen, mit verschiedenen Stakeholdern über Anforderungen diskutiert. Vielleicht entstand eine PLM Strategie und eine Roadmap mit einer ersten groben Zeit- und Ressourcenplanung. Das neue PLM-Projektteam hatte erste Meetings, die Kekse waren lecker. Man fand sich zusammen und  ging motiviert an die ersten Aufgaben. Nach gar nicht langer Zeit gaben sich dann erste PLM-Systemhersteller und -dienstleiter die Klinke in die Hand und stellten Ihre Softwarelösungen vor. Ein Benchmark wurde aufgesetzt, um Anbieter miteinander zu vergleichen und das beste System herauszufinden. Und spätestens hier fiel das erste Mal der Satz: Wir bleiben beim Standard! Der zukünftige PLM-Systemanwender möchte auf keinen Fall teure, ausufernde Anpassungen des PLM-Systems. Maximal sollen einige wenige Dinge konfiguriert werden, auf keinen Fall etwas individuell programmiert werden. „Zur Not ändern wir unsere Prozesse und passen uns dem PLM-System an!“. In wenigen Dingen besteht am Anfang einer PLM-Systemimplementierung mehr Einigkeit als über diesen Punkt: „Wir bleiben beim Standard –  keine großen Anpassungen der PLM-Software“.

Einige Wochen/Monate/Jahre später wird beim ersten großen Releasewechsel oder einem anderen passenden Anlass die Implementierung und die Systemänderungen gereviewt. Wäre das PLM-System ein Fahrzeug, wäre mit einem bisschen Glück noch die Markenidentität zu erkennen. Aber sonst? Zusätzliche Navigationsgeräte, Leichtmetallfelgen (manchmal auch als Lenkrad!), Sportauspuffanlagen, an allen Fahrzeugseiten Anhängerkupplungen und der Motor ist nur getunt oder gegen einen Warp-Antrieb ausgetauscht. Dass das Fahrzeug in einigen Situationen beim Rechtslenken nach links fährt und der Rückwärtsgang nicht mehr funktioniert, dafür aber einen hervorragenden Kaffee kocht – geschenkt.

Döbernitz, Reparatur eines Traktors

Bundesarchiv, Bild 183-68283-0001 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Das blieb also übrig von „Wir bleiben beim Standard“. Wenig bis fast gar nichts. Auch diese Situation ist vielen nicht ganz unbekannt sein, oder?

Warum kommt es aber dazu, dass das viele Vorteile bietende Ziel des Nutzens von Standardfunktionen nicht getroffen wird? Mir fallen drei Gründe ein.

Zum einen ist es nur mit größten Anstrengungen möglich, dass sich Unternehmensorganisationen, -prozesse und -abläufe an Software anpassen. PLM-Prozesse sind das „offene Herz“ von Industrieunternehmen, die ändert man nicht eben mal so schnell ab, nur weil Software nicht so tickt wie sie soll. Die etablierten Zuständigkeiten und Abläufe sind ja auch oft bewährt und funktionieren gut.

Der zweite Grund ist, dass es gar keine unternehmensübergreifenden Standards gibt bzw. sie so generisch definiert sind, dass konkrete Implementierungen gar nicht möglich sind. Jeder, der mal vor der Aufgabe stand, QM-Vorschriften in Software zu gießen, wird ein Lied davon singen können. Sicher gibt es aber auch Bemühungen und Anstrengungen, Standardisierung voranzutreiben. Ein Beispiel wäre das Konfigurationsmanagement CMII oder Analysetechniken wie eine FMEA.

Der dritte Grund ist, dass es ja nur bedingt im Interesse von Dienstleistern und Herstellern ist, Standards „out-of-the-box“ anzubieten. Die Implementierungsprojekte sorgen für zusätzlichen Ertrag, der traditionell beim Preiskampf im Lizenzverkauf in die Binsen ging. Dienstleister und Softwarehersteller betreiben PLM nicht nur aus rein akademischem Interesse wie ich ;-), sondern müssen am Ende des Tages Umsatz machen.

Meine persönliche Erfahrung gibt kein einziges PLM-Projekt her, an dem nicht an der PLM-Software konfiguriert und programmiert wurde. Mich würde es aber brennend interessieren, ob es andere Erfahrungen gibt. Über eine Diskussion in den Kommentaren zu diesem Artikel würde ich mich sehr freuen. Übrigens, ERP-Consultants dürfen sich auch wiedererkannt haben und können auch gern mitdiskutieren.

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